Aus Licht gemacht
Die ungewöhnlichen Cut Outs von Michael Schuster
Von Constanze Musterer, Kunsthistorikerin M.A.

 

Nach dem Gesetz der Natur haben sie den Zenit ihrer Schönheit längst überschritten, golden-gelb leuchtend oder scheinbar bräunlich-warm temperiert liegen sie auf den Böden der Straßen und Wälder und sind dem Tode geweiht. Die gefallenen Blätter der Bäume im Herbst entwickeln nicht nur in den Augen der Kinder eine faszinierende Ästhetik, die zum Sammeln animiert. Auch Michael Schuster entdeckte sie für sich, als ungewöhnliches Medium für seine Kunst. Anstelle in Pappe oder Papier schneidet er in die großen Blätter der Platanenbäume sorgsam seine figürlichen Silhouetten. Es sind Scherenschnitte der alltäglichen Gesten, oft losgelöst von einem bildlichen Kontext, die auf Papier zur Collage oder frei in den Raum strebend zu kleinen Wandinstallationen werden. Hier verschmelzen die einzelnen Figuren zu einem assoziierten Blätterregen im Wind und initiieren das Kopfkino der Erinnerungen jüngster Erlebnisse.

Die vom Künstler ausgewählten Attitüden seiner Protagonisten wirken beiläufig, sogar unbedeutend und zeugen gerade darin von einer tiefen Vertrautheit. Die ursprünglichen Nuancierungen der privaten Fotografien, die Michael Schuster als Vorlagen für seine Cut Outs dienen, scheinen noch spürbar. Die fein ausgearbeiteten Schemen verdichten sich zu Charakteristika, sind Relikte eines winzigen Moments des Seins. Die große Diskrepanz zwischen der Fotografie und den Platanenblätter hebt sich hier auf einmal auf: beide speichern durch Licht respektive Photosynthese die vielen Augenblicke des Gewesenen. In dieses Konvolut setzt der Künstler den Fokus auf den entscheidenden Moment und absorbiert ihn in den Schatten seiner Cut Outs. Das so typische, individuelle eines Menschen ist signifikant in seinen kleinen Gesten, seinem Gang, seinen Haltungen und genau hier gelingt Michael Schuster die Gratwanderung zwischen dem zitierten Schemen einer konkreten Person und der Offenbarung einer Typisierung. So eigen die Gesten waren und bleiben so universell sind sie im gleichen Moment geworden. Das Festhalten dieser Attitüden, dieser flüchtigen Momente wird wiederum zur Initialzündung individueller Geschichten und von Erinnerungen an eine jüngste Vergangenheit. Das Wort Erinnerung klingt für die Arbeiten von Michael Schuster beinahe zu nostalgisch, denn seine Porträts sind hochgradig zeitgenössisch, sie treten hervor aus dem Hier und Jetzt oder ziehen uns mit in das Dort und Soeben. Die Frau mit der Umhängetasche, der hüpfende Junge oder der Mann von der Sonne geblendet, sind wir ihnen nicht gerade begegnet? Es scheint, als möchte der Künstler den Moment festhalten, das Sekundenerlebnis anhalten, vielleicht sogar die Zeit überwinden so, wie er die Blätter der Platanen durch seine Kunst weiterleben lässt wie es die Fotografie vorgemacht hat. Einen Augenblick gibt man sich der Illusion hin, doch, und zum Glück, präsentiert uns Michael Schuster keine Narrationen, sondern viele Momente, die uns vergnüglich und bewusst von einem zum nächsten gehen lassen, im Jetzt und auch weiter.